Transparenz
DAS AVENIR JAHR: WAS UNS 2025 BEWEGT HAT
ENTWICKLUNG DES KOLLEKTIVS
Das Avenir wird als Kollektiv geführt. Das bedeutet im Kern, dass alle Mitglieder der kollektiven Geschäftsführung gleichberechtigt und auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Alle haben dasselbe Stimmrecht und erhalten dasselbe Stundengehalt – unabhängig von ihrer Tätigkeit.
Weil ein Kollektiv keine eigenständige Rechtsform im deutschen Gesellschaftsrecht ist, sind wir formal als GmbH organisiert. Um unser Konstrukt dennoch juristisch wirksam zu gestalten, müssen wir beide Strukturen – das interne Kollektiv und die formale GmbH – deckungsgleich halten, beispielsweise indem unser Statut, das unsere Zusammenarbeit als Kollektiv regelt, als Anhang zum Gesellschaftsvertrag auch juristisch wirksam verankert ist. Die beiden Organisationsformen in Einklang zu bringen, bedeutet aber auch: Wer Mitglied des Kollektivs ist, ist zugleich Gesellschafter:in und Geschäftsführer:in der GmbH. Ein- und Ausstiege aus dem Kollektiv erfordern damit immer auch einen Ein- bzw. Austritt in die GmbH inkl. Kauf von GmbHAnteilen und Besuch des gesamten Kollektivs bei unserer Notarin.
Im Jahr 2025 haben wir zwei solcher Übergänge erlebt: Ruth und Karo haben sich entschieden, das Kollektiv zu verlassen, um jeweils ein Zweitstudium aufzunehmen. Wir freuen uns für die beiden, stellen aber auch mit Bedauern fest, dass das geringe Gehalt, das wir zahlen können (in 2025 waren es 13,82€ pro Stunde) dazu beigetragen hat, dass ein Verbleib im Kollektiv und die Finanzierung des Lebensunterhalts neben dem Studium schwer miteinander vereinbar waren.
An unseren Arbeitsbedingungen müssen und wollen wir arbeiten. Unser Anspruch an eine gerechte Bezahlung und die damit einhergehende Möglichkeit, ein selbstbestimmtes, finanziell unabhängiges Leben zu führen, gilt nicht nur für unsere Partner:innen im Kaffeehandel, sondern auch für unser gesamtes Team. Leider hat unsere betriebswirtschaftliche Situation auch in 2025 nur kleine Verbesserungen für alle, die im Avenir arbeiten, zugelassen – aber wir bleiben an dem Thema dran.
Ein Thema, an dem wir ebenfalls dranbleiben, ist die Zusammenarbeit mit allen Teammitgliedern, die nicht Teil der kollektiven Geschäftsführung sind, dem sogenannten Co-Kollektiv. Durch die Struktur von Kollektiv und Co-Kollekitv entsteht eine Hierarchie und damit auch ein explizites Machtverhältnis, das wir eigentlich überwinden wollen. Diese Spannung erleben wir gemeinsam, im Kollektiv wie im Co-Kollektiv. Auf der einen Seite wollen wir auf Augenhöhe arbeiten und Abhängigkeitsverhältnisse so weit wie möglich abbauen. Auf der anderen Seite gibt es Situationen, in denen Führung notwendig ist und auch erwartet wird. Dieser Widerspruch verlangt von uns Reflexion und Behutsamkeit. Auch in 2025 gab es immer wieder Situationen, die uns in diesem Spannungsfeld gefordert oder auch überfordert haben und an denen wir Weiterentwicklungspotential in machtsensibler Führung erkennen konnten. Deshalb haben wir uns für 2026 vorgenommen, die Frage von Hierarchie und Machtstrukturen gemeinsam mit dem Co-Kollektiv aktiv anzugehen – um offen zu benennen, wo Spannungen entstehen, und um strukturell daran zu arbeiten, Machtverhältnisse sichtbar und besprechbar zu machen.

 
UNSER ERSTES JAHR IN DER RÖSTEREI
Im vergangenen Jahr 2025 haben uns strategische Fragen der Unternehmensausrichtung beschäftigt. Mit dem Umzug unseres Rösters von unserem Gastro-Standort im Ilmenaugarten in eine eigene Produktion „Beim Holzberg“ hatten wir im November 2024 bereits die strategische Entscheidung getroffen, uns stärker auf die Produktion zu konzentrieren und die Produktionsverhältnisse der stetig steigenden Menge an verkauftem Röstkaffee anzupassen. Eine Entscheidung, die rückblickend als „last minute exit“ erscheint, da wir den Bedarf aufgrund fehlender Lager- und begrenzter zeitlicher Kapazitäten außerhalb unserer Gastrozeiten im Ilmenaugarten nicht mehr hätten bewältigen können.
Dieser 2024 begonnene Prozess der strategischen Neuausrichtung hat uns auch 2025 weiter beschäftigt. An unserem neuen Produktionsstandort „Beim Holzberg“ haben wir nun tolle neue Produktions- und Lagerräume gefunden, die uns das Arbeiten sehr erleichtern und dank eines eigenes Büro- und Seminarraums müssen wir nun zum ersten Mal in der Avenir- Geschichte Orga-Tätigkeiten nicht mehr wie bisher im laufenden Cafébetrieb oder von zuhause aus machen.

ENTSCHEIDUNG ZUR NACHFOLGESUCHE
Im Laufe des Jahres haben wir immer wieder die Erfahrung gemacht, dass der große Gastrobetrieb im Ilmenaugarten sehr viel unserer Kapazitäten und Ressourcen bindet – und gleichzeitig ein noch größeres Invest in unser Gastro-Angebot und in eine Ausweitung der Öffnungszeiten erforderlich wäre, um den Betrieb in ein lohnenswertes Rentabilitäts-Verhältnis zu bringen. Zudem ist uns einmal mehr deutlich geworden, dass ein Standort mit einem von Sommersaison und Wochenend- Ausflügen getriebenen (und somit stark schwankendem) Personalbedarf immer wieder in Konflikt mit unserer ursprünglichen Idee kollektiver Zusammenarbeit gerät.
In Rekapitulation unserer Ideen, mit denen wir 2021 im Ilmenaugarten gestartet sind – nämlich eine kollektiv geführte, faire und transparente Kaffee-Rösterei zu gründen – ist im Laufe des Jahres in uns die schmerzhafte Erkenntnis gereift, dass der Standort uns momentan eher vom Weg abbringt als auf unser damaliges Ziel einzuzahlen. Schmerzhaft deshalb, weil uns das Avenir am Fluss über die vergangenen Jahre sehr ans Herz gewachsen ist und wir glücklich sind, zu was für einem Ort es sich entwickelt hat: einem lebendigen und liebevollen Raum des persönlichen, wertschätzenden Miteinanders, der gesellschaftlichen Vielfalt, der naturnahen Entschleunigung im hektischen Alltag und des gesellschaftspolitischen Engagements in Lüneburg. Dennoch haben wir uns im November vergangenen Jahres dazu entschlossen nach einer Nachfolge für den Standort zu suchen, um Luft für die Weiterentwicklung des Avenirs, die wir bewusst verfolgen möchten, zu gewinnen.
KAFFEEIMPORT & URSPRUNGSARBEIT
ENTWICKLUNG DES WELTMARKTPREISES
Was gegen Ende des Jahres 2024 begann, setzte sich auch 2025 fort: Die Kaffeepreise am Weltmarkt stiegen kontinuierlich an.
Hauptursachen für diese Entwicklung waren die Klimakatastrophe und die damit verbundenen Missernten sowie zunehmend schwierige Anbaubedingungen in den Herkunftsländern. Zusätzlichen Preisdruck verursachten logistische Herausforderungen wie die Containerknappheit und die Beeinträchtigungen der Schifffahrt durch den blockierten Suezkanal. Auch die schwer kalkulierbare Zollpolitik der US-Regierung unter Donald Trump sowie Spekulationen am Kaffeemarkt trugen zu den Preissteigerungen bei.
Im Januar 2025 erreichte der Weltmarktpreis für Kaffee mit 3,58 USD/lb ein Allzeithoch – ein Anstieg von 84 % gegenüber dem Vorjahr. Bereits Mitte Februar wurde dieser Rekord mit 4,40 USD/lb erneut deutlich übertroffen.
Da wir unsere Verträge mit den Kaffeeproduzent:innen bereits lange vor der Ernte abschließen und 60 % der vereinbarten Kaffeemenge vorfinanzieren, konnten wir unsere Preise zunächst stabil halten. Diese langfristigen und verlässlichen Handelsbeziehungen schaffen Planungssicherheit für beide Seiten und schützen sowohl die Produzent:innen als auch uns vor den starken Schwankungen des Weltmarktpreises in beide Richtungen.
Angesichts der anhaltend steigenden Weltmarktpreise für Kaffee und der erwarteten Inflation in Deutschland sahen wir uns schließlich im April 2025 gezwungen, unsere Kaffeepreise erstmals seit zwei Jahren um rund 10 % anzuheben.

URSPRUNGSREISE NACH HONDURAS
2025 waren wir erstmalig in Honduras. Gemeinsam mit Steffi von unserer befreundeten Rösterei Quijote Kaffee besuchte Max die Kooperative APROCOMSA, von der wir seit vielen Jahren als Co-Importeur von Quijote Kaffee Natural- und Honey-Rohkaffee beziehen. Ziel der Reise war es, unsere Partnerschaft mit der Kooperative zu vertiefen und Einblicke in Anbau, Verarbeitung und Lebensrealität der Produzent:innen zu gewinnen. Hier findet ihr den gesamten Bericht zu unserem Besuch.

AUF DEM WEG ZUR KREISLAUFWIRTSCHAFT
Unser Purpose ist es, eine Wirtschaftsweise zu leben, die zum Wohlergehen aller führt. Damit meinen wir nicht nur alle Menschen, die an unserer Wertschöpfungskette beteiligt sind, sondern auch unsere Natur, die uns die Ressourcen gibt, die wir brauchen, um überhaupt wirtschaften zu können. Ein sorgsamer Umgang mit Ressourcen ist deswegen für uns ein wichtiges Handlungsfeld, in dem wir versuchen, uns stetig zu verbessern.
Hier ein kleiner Überblick, wo wir aktuell stehen in Bezug auf unterschiedliche “R-Strategien”, die ein wichtiger Bestandteil der Kreislaufwirtschaft sind und eine nachhaltigere Nutzung unserer Ressourcen unterstützen.
REFUSE
(VERWEIGERN)
- Wir verarbeiten und verkaufen (bis auf einzelne Ausnahmen wie z.B. Aperol) ausschließlich Bio- Produkte. Auf diese Weise tragen wir dazu bei, dass in der Produktion unserer Rohstoffe keine schädlichen Pestizide verwendet werden. Das trifft natürlich auch auf unseren Rohkaffee zu, der in biodiverser Agroforstwirtschaft angebaut wird.
- Wir verzichten bereits seit 2020 komplett auf Einwegbecher für Kaffee “to go”. Stattdessen bekommt man bei uns Heißgetränke im Recup. Im Jahr 2025 haben wir davon 6.728 Stück rausgegeben und damit ca. 71 kg Müll vermieden.


REPLACE
(ERSETZEN)
- Seit 2019 zahlt man bei uns keinen Aufpreis auf Hafermilch, auch wenn sie im Einkauf deutlich teurer ist. Wir wollen damit Hafermilch als Alternative attraktiver machen, da der CO2-Fußabdruck von Hafermilch deutlich geringer ist als der von Kuhmilch. Im Jahr 2025 wurden 56,3% aller Kaffeegetränke mit Hafermilch bestellt.
REDUCE
(REDUZIEREN)
- Strecken innerhalb von Lüneburg legen wir mit unserem Lastenrad zurück – sei es zum Transfer zwischen unseren Standorten oder zum Ausliefern von Onlineshop-Bestellungen. Dabei kommen jährlich durchschnittlich 4000 km zusammen, die umgerechnet ca. 560-720kg CO2 einsparen.
- Unser Weinsortiment besteht mittlerweile zu 70% aus PiWi-Weinen. PiWis sind neu gezüchtete Rebsorten, die eine hohe Widerstandsfähigkeit gegen Pilzkrankheiten aufweisen und daher wenig bis gar nicht mit Pflanzenschutzmitteln behandelt werden müssen. Das ist nicht nur besser für uns Konsument:innen, sondern vor allem für den Erhalt gesunder Weinberge und -böden.

REUSE
(WIEDERVERWENDEN)
- Unsere Milch vom Hof Weitenfeld wird wöchentlich in wiederverwendbaren Milchflaschen geliefert. Wir spülen sie aus und geben sie an den Hof zurück. So vermeiden wir im Jahr das Wegwerfen von ca. 3000 Einweg-Milchtüten.
- Seit 2019 kann man unseren Kaffee auch im wiederverwendbaren Blecheimer kaufen, um auf diese Weise Müll zu reduzieren. Im Jahr 2025 haben wir 1387 kg unverpackten Kaffee an Privatkund:innen verkauft (ohne B2B- und Abo- Kund:innen).
- Da wir auch einen Online-Shop haben und Kaffee per Post versenden, brauchen wir viele Kartons. Gleichzeitig bekommen wir viele Waren wie z.B. Weinflaschen oder Aufbackbrötchen in Kartons geliefert. Statt diese wegzuwerfen, nutzen wir sie für den Versand der Online-Bestellungen.
REPURPOSE
(UMFUNKTIONIEREN)
- Kuchenstücke, Gebäckteile und Brötchen, die am Ende des Tages im Cafébetrieb übrig bleiben, bekommen einen neuen Zweck: In Überraschungstüten verkaufen wir sie für einen geringen Preis bei “To good to go”, einer Plattform, die Lebensmittelverschwendung entgegenwirkt. In den vergangenen 12 Monaten haben wir 233 solcher Überraschungstüten verkauft und keine übrig gebliebenen Produkte weggeworfen.
- Die Jutesäcke, in denen unser Rohkaffee geliefert wird, verschenken wir an Kund:innen, die daraus Weihnachtsmann-Säcke, Sofabezüge, Hüpfsäcke oder Ähnliches machen. Im Jahr 2025 waren es ca. 330 Säcke.
Auch wenn wir schon einige Schritte in Richtung Kreislaufwirtschaft gegangen sind, gibt es noch viel Potential zur Optimierung. So ist beispielsweise das Müllaufkommen bei uns in den Cafés noch sehr hoch und auch unser Energieverbrauch könnte besser sein. Im Jahr 2025 haben wir uns wenig Zeit genommen für die Weiterentwicklung unserer nachhaltigen Ausrichtung. Unser Ziel ist es jedoch, kontinuierlich weitere Hebel für einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen zu finden und zu nutzen. Denn unsere Überzeugung ist, dass ein resilientes Wirtschaften nur in einer intakten Umwelt stattfinden kann.
KOOPERATIONEN UND NETZWERK-ARBEIT
Kooperation statt Konkurrenz ist eines unserer zentralen Prinzipien bei unserem Vorhaben, Strukturen im Kaffeehandel fairer zu gestalten. Deswegen engagieren wir uns seit 2022 aktiv im Hamburger Netzwerk solidarischer Röstereien und Kollektive, darunter Quijote, La Gota Negra, Aroma Zapatista und Café Libertad.
In regelmäßigen Treffen tauschen wir Wissen aus, entwickeln gemeinsame Projekte und unterstützen uns gegenseitig.
So entstand beispielsweise der „Soli-Kaffee“, dessen Erlöse 2023 Projekte des mexikanischen Congreso Nacional Indígena und der zapatistischen Bewegung unterstützten.
Auch über Hamburg hinaus setzen wir auf Zusammenarbeit mit anderen Röstereien und sind seit 2023 auf dem Online-Marktplatzes “Überlegen” vertreten. Überlegen steht für hochwertige und authentische Kaffees von Röstereien, die außergewöhnliches Engagement im Kaffeehandel zeigen.
Alle hier angebotenen Kaffees müssen klare Kriterien in Bezug auf Handelsbeziehungen, Transparenz und Umweltschutz erfüllen.
Überlegen ist aber mehr als eine Kaffee-Plattform – es ist ein Netzwerk gleichgesinnter Röstereien, die sich gegenseitig unterstützen, mit Rohkaffee aushelfen und Erfahrungen austauschen.
2025 hat Überlegen erstmals ein Kaffeefestival in Hamburg ins Leben gerufen, die CORRETTO, an der auch wir aktiv teilgenommen haben. Im Rahmen eines Fachkongresses zum Thema „Direkter Handel: Die Zukunft des Kaffees“ kamen Röstereien und Kaffee-Importeur:innen aus dem Netzwerk zusammen, um sich auszutauschen und neue Impulse zu setzen. Gemeinsam wurde darüber diskutiert, wie fairer, transparenter und nachhaltiger Kaffeehandel gestaltet und langfristig gestärkt werden kann.
im Jahr 2025 haben wir
Rohkaffee eingekauft und dabei
ø pro kg ARABICA an die Kooperativen gezahlt.
ø pro kg ROBUSTA an die Kooperativen gezahlt.
davon sind transparent gehandelt.
Mehr Infos
IMPORTMENGEN PRO KOOPERATIVE IN 2025

Rohkaffee-Einsatz und geröstete Mengen 2025
Lünebohne & Lünepresso 2025
Der Rohkaffee für die Lünebohne wird von der Kooperative Kopakama angebaut.
Beim Lünepresso wird zusätzlich Rohkaffee der Kooperative KCU verwendet.
Beide Rohkaffees sind bio- und fairtradezertifiziert.
Im Jahr 2024 haben wir
geröstete Bohnen eingekauft und dabei
Ø pro Kilogramm Arabica an die Kooperative* gezahlt
Ø pro Kilogramm Robusta* an die Kooperativen gezahlt
des Rohkaffees sind transparent gehandelt.
*Der Rohkaffee für die Lünebohne wird von der Kooperative Kopakama angebaut. Beim Lünepresso wird zusätzlich Rohkaffee der Kooperative KCU verwendet. Beide Rohkaffees sind bio-und fairtradezertifiziert.
Berichte
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